Mittwoch, 2. Mai 2018

Meine Vorbilder und Anreger: I.

Karl Marx + Friedrich Engels

Karl Marx. Foto von John Mayall

In diesem Monat wird des 200. Geburtstag von Karl Marx gedacht. Dadurch wurde ich daran erinnert, wie sehr dieser Mann und sein Freund Friedrich Engels mein Denken lange Zeit beeinflusst haben.
Mit etwa 16 Jahren hatte ich mich von der Religion meiner Kindheit, dem Katholizismus abgewandt. Ich empfand sie als unglaubwürdig, nicht in die Zeit passend.
Ein Gott der straft und belohnt, Menschen massenhaft durch Sintfluten oder wie in Sodom und Gomorrha vernichtet, der sich ein einzelnes Volk auserwählt, oder für den die Menschen auf Kreuzzüge oder in andere Kriege ziehen, das fand mehr als meinen Zweifel, es schien mir der pure Unsinn. Ich war auf der Suche nach Ideen, die mir mehr entsprachen und die meinen Verstand nicht beleidigten. Ich befasste mich mit dem Buddhismus, wo auch das eine oder andere mich ansprach, aber so völlig überzeugen konnte er mich nicht. Da fand ich dann im Bücherregal meines älteren Bruders Schriften von Marx, Engels und Lenin. Die zogen mich sehr in ihren Bann. Ich wollte eine bessere Welt, eine gerechtere und vernünftigere. Die marxsche Philosophie, seine materialistische Vorstellung von der Welt traf auf mein Interesse für alles Naturwissenschaftliche und ist in vieler Hinsicht noch meine heutige Weltanschauung. Friedrichs Engels „Dialektik der Natur“ wurde zu einer Grundlage meiner neuen Weltsicht. Allerdings sehe ich heute den Vorbehalt, dass wir die Welt aufgrund unserer begrenzten Möglichkeiten nie vollständig erkennen können.
Auch Marxens Erklärung unseres Wirtschaftssystems schienen mir sehr einleuchtend. Die Schrift Lohn,Preis, Profit war ein Einstieg in dieses Denken, ergänzt durch das „Kommunistische Manifest“ und andere Veröffentlichungen. Am „Kapital“ bin ich allerdings gescheitert: zu komplex, zu theoretisch, zu mathematisch, aber immerhin sehr beeindruckend.
Leider geriet ich in der Folge in den Bannkreis einer maoistischen Politsekte, die von sich behauptete, die Vorhut der Arbeiterklasse zu sein und allein den wahren Marxismus zu vertreten. Der sowjetisch beeinflusste Ostblock war revisionistisch entartet (nach Stalins Tod). Mir fällt es heute schwer zu verstehen, dass ich damals die Rechtfertigung des stalinschen und des maoistischen Terrorregimes akzeptiert habe. Bereits zu Lenin wurde meiner Meinung nach der Marxismus zu einer Art Religion, die man auch nicht in einzelnen Punkten hinterfragen durfte: Die Partei hat immer recht! Anfang der achtziger Jahre wurde mir aber klar, dass ich hier einer Ideologie aufgesessen war, die von China befeuert und von Intellektuellen gepredigt wurde, die selbst aus bürgerlichem Hause kamen und gerne über die Arbeiterklasse herrschen wollten. Auch sah ich, dass letztere gar nicht daran dachte, an einer solchen kommunistischen Revolution teilzunehmen.
Marx selbst hat ja nie sehr konkrete Vorstellungen zu einer zukünftigen Gesellschaft entwickelt, sondern sich auf die Kritik der Bestehenden konzentriert. Dabei scheute er sich auch nicht, sich selbst zu korrigieren und neue Erkenntnisse aufzunehmen. Er lehnte Ideologie ab, genau das, was seine späteren Adepten ihren Anhängern immerzu eintrichtern wollten: die reine Lehre. Marx und sein Freund Engels waren nicht die Träger ewiger Wahrheiten, sondern kritische Geister, die die Welt in ihrer Entwicklung untersucht haben. Sowohl die Geschichte der Menschheit, die Entwicklung der Geistesgeschichte, der Ökonomie und der Wissenschaften haben sie erforscht und dabei eine politischen Standpunkt entwickelt, den man nicht in allen Einzelheiten teilen muss.
Marx, selbst von jüdischer Abstammung war seinen Artgenossen nicht besonders freundlich gesinnt und vermutlich überhaupt kein besonders netter Mensch. Auch gegenüber einer Anfrage von Karl-Heinrich Ulrich, dem ersten Vertreter der Schwulenbewegung in Deutschland verhielt er sich ablehnend und hämisch. Intelligenz ist leider keine Garantie für Empathie.
Sicherlich aber ist die Frage nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung heute aktueller denn je, wo der Kapitalismus die ganze Welt unter seine Fuchtel gebracht hat und internationale Konzerne mächtiger als viele Staaten sind. Ich finde es durchaus lohnend, sich mal wieder mit den Schriften von Marx und Engels auseinanderzusetzen.
Ein wenig habe ich mich in meinem letzten Roman mit der Thematik des Sozialismus und seiner Verzerrungen befasst: „Soziotopia oder eine andere Wende 1989“.
Marx nannte einmal als sein Motto: De omnibus dubitandum (Deutsch: An allem ist zu zweifeln).

Copyright: Ludger Gausepohl, Berlin 2018

1 Kommentar:

  1. Einen Online-Zugang zu den Schriften von Marx und Engels erhält man hier:
    http://www.mlwerke.de/me/

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