Montag, 16. Juli 2018

Anreger und Vorbilder III:

James Baldwin

Nicht lange nach meinem Coming-out als Schwuler war ich ständig auf der Suche nach Literatur, die mir zu einem besseren Selbstverständnis und Selbstbewusstsein verhelfen konnte. Das waren zumeist Sachbücher. Aber zu meinem 27. Geburtstag bekam ich dann von meinem damaligen Freund den Roman „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin geschenkt. Auch wenn die Geschichte am Ende tragisch endete, faszinierte sie mich doch sehr. Das lag sicher auch an der grandiosen Schreibweise des Autors. Ich interessierte mich nun mehr für sein Werk und las auch Texte von ihm auf Englisch. So fand ich in einem Gebrauchtbücherladen „Another Country“, was ich etwas schwieriger zu lesen fand. Bei der ehemaligen Schulliteratur meiner älteren Geschwister fiel mir die Kurzgeschichte „This morning, this evening, so soon“ in die Hände.
Ich schätzte bei allen Texten von Baldwin seine prägnante Darstellung gesellschaftlicher Probleme bei gleichzeitig sehr differenzierter Schilderung der Protagonisten. Kein holzschnittartiges Abbilden von „Gut“ und „Böse“. Mich bewegten die sehr gefühlvollen Erzählungen und der Hintergrund der Rassendiskriminierung in den USA. Allerdings konnte ich mir diese überhaupt nicht richtig vorstellen. Warum sollte man jemanden nur wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft ablehnen? Heute ist mir das zwar immer noch unverständlich, aber mein Erfahrungshorizont hat sich mittlerweile erweitert und ich weiß, dass es solche Haltungen nicht nur in den USA früherer Jahre gab.
Was mich noch heute an Baldwin fasziniert, ist sein Engagement für die schwarze Bürgerrechtsbewegung, seine kritische Haltung gegenüber der dogmatischen Religion und seine Unabhängigkeit. Er hat sich nie von Organisationen oder Parteien vereinnahmen lassen. Immerhin war er ein wichtiger Berater von Martin Luther King, der offensichtlich keine Probleme mit seiner Homosexualität hatte, die ja damals in den allermeisten amerikanischen Bundesstaaten noch verboten war. Doch manch andere Mitstreiter sah das wohl anders und wollte ihn aus der Bewegung ausstoßen, sowohl die eher islamisch orientierten, als auch die christlichen Teile der Bürgerrechtsbewegung.
Das Gefühl der Unterdrückung muss ihn so sehr belastet haben, dass er nach Europa floh und dort lange Zeit lebte. Der Erfolg seiner Bücher machte ihn da zu einem Privilegierten, der sich das leisten konnte und das war ihm auch immer bewusst. Er vergaß nie, dass er aus einer einfachen New Yorker Familie aus Harlem kam, sein Vater ein Arbeiter, der nebenbei noch Prediger einer evangelikalen Freikirche war.
Im Zusammenhang der Black-Lives-Matter-Bewegung ist sein Werk, das zeitweise nur noch wenig Beachtung fand, wieder sehr gefragt. Auch in Europa erscheinen Neuausgaben seiner Bücher.
Der afroamerikanische Autor hat diese neuerliche Beachtung unbedingt verdient. Baldwin hat aber nicht nur Romane und Erzählungen geschrieben, sondern auch zahlreiche Essays über die Bürgerrechtsbewegung und andere Themen. Ich habe mir vorgenommen, demnächst sein Debut-Werk „Go Tell It On The Mountain“ (deutsch: „Von dieser Welt“) zu lesen.

Einzelheiten zu seinem Leben sind hier zu finden.

Freitag, 18. Mai 2018

Meine Vorbilder und Anreger













II. Erich Fromm

Ein Denker und Wissenschaftler, der einigen Einfluss auf mich ausgeübt hat war Erich Fromm. Der Schüler von Siegmund Freud (geb. 23.03.1900, gest. 18.03.1980) fand recht bald seinen eigenen Weg in der Psychoanalyse. Seine humanistische Psychologie bezieht das gesellschaftliche Umfeld des Menschen in die Beurteilung psychischen Probleme ein. Ich will hier nicht den Lebensweg dieses großen Denkers abhandeln, der an anderen Stellen ausreichend dargestellt wird. Schon als Schüler hatte ich mich mit Sigmund Freud und seinen Theorien auseinandergesetzt und fand das Thema Psychoanalyse sehr spannend. Später verdrängte ich deren Fragestellungen dann aber längere Zeit. Als ich mich während meiner Studentenzeit von meinen „marxistisch-leninistischen“ Ideologien löste, war ich erneut auf der Suche nach Ideen, die mir gemäß waren und so stieß ich auf das Buch „Die Kunst des Liebens“ (Erstveröffentlichung 1956) von dem mir bis dahin unbekannten Erich Fromm. Das Buch beschreibt verschiedene Formen der Liebe (Nächstenliebe, Mutterliebe, erotische Liebe, Selbstliebe, Gottesliebe) und stellt die kapitalistische Gesellschaft als großes Hindernis für eine entwickelte Liebesbeziehung unter Menschen dar. Er fordert vom Einzelnen eine Entwicklung seiner Persönlichkeit, weg vom Egoismus und Narzissmus. Mir gefiel das Buch damals sehr gut und ich las dann noch zahlreiche andere Werke von Fromm. Durch ihn fand ich Zugang zu Denkern wie Meister Eckhart, dem Zen-Buddhismus und andern. Allerdings störte mich sein doch noch recht traditionelles Geschlechterrollenverständnis und die Einordnung der Liebe unter homosexuellen Menschen als gestört oder unvollkommen. Er hat diese Einstellung später verändert und war zu der Zeit wohl noch stark von der allgemeinen Haltung der Gesellschaft in dieser Frage geprägt. Aber er sah bereits damals die Notwendigkeit der Veränderung der Gesellschaft zu einer humaneren und rationaleren. Das Schwergewicht sollte nicht mehr wie heute auf Wettbewerb und Egoismus liegen, sondern auf menschlicher Entwicklung und Wohl-Sein. „Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrunde liegende Prinzip und das Prinzip der Liebe.“(Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, DTV München 1995, S.204) „Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas dem man verfällt. Ganz allgemein kann man den aktiven Charakter der Liebe so beschreiben, daß man sagt, sie ist in erster Linie ein Geben und nicht ein Empfangen.“ (Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, DTV München 1995, S.42) Er interpretierte Marx ganz anders als die die sogenannten „Marxisten“ aller Couleur und erhielt von ihm manche Inspiration, wie allerdings auch aus der Bibel, der Thora, dem Daodejing und Buddhistischen Schriften. So befasste er sich intensiv mit Fragen der Meditation, wobei er sich zuerst dem Zen-Buddhismus zuwandte, später aber den ursprünglichen Buddhismus und seine Achtsamkeitsmethoden bevorzugte. Sein letztes und bekanntestes Werk ist „Haben und Sein“, in dem er noch mal grundlegend die Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse beleuchtet und zu einer grundlegenden Umwandlung unserer Gesellschaft auffordert. An die Stelle des Habens in Form der Herrschaft des Konsums und der Umwandlung aller Dinge in Waren und Kapital, soll das Sein treten. Das Haben bezieht sich auf Dinge, während das Sein sich auf die menschliche Handlung im Hier und Jetzt bezieht. „Was ich fand, legte mir den Schluß nahe, das diese Unterscheidung zusammen mit jener zwischen der Liebe zum Leben und der Liebe zum Toten das entscheidenste Problem der menschlichen Existenz ist; … daß Haben und Sein zwei grundlegend verschiedene Formen menschlichen Erlebens sind, ...“ (Erich Fromm, Haben und Sein, dtv, München 1976) Für mich eröffnete Fromm eine neue Perspektive zu einer humanistischen Gesellschaftsveränderung ohne Dogmen und unterdrückerische Praktiken. Im Laufe der Jahre musste ich nur erfahren, dass die schönste Theorie nichts nutzt, wenn sie die Menschen nicht oder nur verkürzt erreicht. Das gilt für ihn wie auch für andere kluge Ideen. Der Kapitalismus hat trotz aller Probleme, die er mit sich bringt, zu viele verlockende Angebote des Konsums und der Ablenkung von der Wirklichkeit. Das konnte man beim Fall der Mauer erleben, wo die Menschen es wichtiger fanden, so schnell wie möglich an die Konsummöglichkeiten des Westens zu gelangen, als sich mehr Zeit zu nehmen, Wege zu einer gerechteren Gesellschaft zu finden. Erich Fromms Werk bietet aber viele Gedanken, die zur Selbstreflexion und zur kritischen Betrachtung der Gesellschaft anregen. Mehr zu Erich Fromm auf der Seite des Erich-Fromm-Instituts in Tübingen „Ich glaube, dass die Verwirklichung einer Welt möglich ist, in der der Mensch viel sein kann, selbst wenn er wenig hat; in der der vorherrschende Beweggrund seines Lebens nicht das Konsumieren ist; in der der Mensch das erste und das letzte Ziel ist; in der der Mensch den Weg finden kann, seinem Leben einen Sinn zu geben, und in der er auch die Stärke finden kann, frei und illusionslos zu leben.“ Manuskript aus dem Jahr 1965 mit dem Titel „Some Beliefs on Man, in Man, for Man“, das von Fromm selbst nicht veröffentlicht wurde. Veröffentlicht in: Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, GA XI, S. 593-596

Mittwoch, 2. Mai 2018

Meine Vorbilder und Anreger: I. Karl Marx + Friedrich Engels

Karl Marx. Foto von John Mayall

In diesem Monat wird des 200. Geburtstag von Karl Marx gedacht. Dadurch wurde ich daran erinnert, wie sehr dieser Mann und sein Freund Friedrich Engels mein Denken lange Zeit beeinflusst haben.
Mit etwa 16 Jahren hatte ich mich von der Religion meiner Kindheit, dem Katholizismus abgewandt. Ich empfand sie als unglaubwürdig, nicht in die Zeit passend.
Ein Gott der straft und belohnt, Menschen massenhaft durch Sintfluten oder wie in Sodom und Gomorrha vernichtet, der sich ein einzelnes Volk auserwählt, oder für den die Menschen auf Kreuzzüge oder in andere Kriege ziehen, das fand mehr als meinen Zweifel, es schien mir der pure Unsinn. Ich war auf der Suche nach Ideen, die mir mehr entsprachen und die meinen Verstand nicht beleidigten. Ich befasste mich mit dem Buddhismus, wo auch das eine oder andere mich ansprach, aber so völlig überzeugen konnte er mich nicht. Da fand ich dann im Bücherregal meines älteren Bruders Schriften von Marx, Engels und Lenin. Die zogen mich sehr in ihren Bann. Ich wollte eine bessere Welt, eine gerechtere und vernünftigere. Die marxsche Philosophie, seine materialistische Vorstellung von der Welt traf auf mein Interesse für alles Naturwissenschaftliche und ist in vieler Hinsicht noch meine heutige Weltanschauung. Friedrichs Engels „Dialektik der Natur“ wurde zu einer Grundlage meiner neuen Weltsicht. Allerdings sehe ich heute den Vorbehalt, dass wir die Welt aufgrund unserer begrenzten Möglichkeiten nie vollständig erkennen können.
Auch Marxens Erklärung unseres Wirtschaftssystems schienen mir sehr einleuchtend. Die Schrift Lohn,Preis, Profit war ein Einstieg in dieses Denken, ergänzt durch das „Kommunistische Manifest“ und andere Veröffentlichungen. Am „Kapital“ bin ich allerdings gescheitert: zu komplex, zu theoretisch, zu mathematisch, aber immerhin sehr beeindruckend.
Leider geriet ich in der Folge in den Bannkreis einer maoistischen Politsekte, die von sich behauptete, die Vorhut der Arbeiterklasse zu sein und allein den wahren Marxismus zu vertreten. Der sowjetisch beeinflusste Ostblock war revisionistisch entartet (nach Stalins Tod). Mir fällt es heute schwer zu verstehen, dass ich damals die Rechtfertigung des stalinschen und des maoistischen Terrorregimes akzeptiert habe. Bereits zu Lenin wurde meiner Meinung nach der Marxismus zu einer Art Religion, die man auch nicht in einzelnen Punkten hinterfragen durfte: Die Partei hat immer recht! Anfang der achtziger Jahre wurde mir aber klar, dass ich hier einer Ideologie aufgesessen war, die von China befeuert und von Intellektuellen gepredigt wurde, die selbst aus bürgerlichem Hause kamen und gerne über die Arbeiterklasse herrschen wollten. Auch sah ich, dass letztere gar nicht daran dachte, an einer solchen kommunistischen Revolution teilzunehmen.
Marx selbst hat ja nie sehr konkrete Vorstellungen zu einer zukünftigen Gesellschaft entwickelt, sondern sich auf die Kritik der Bestehenden konzentriert. Dabei scheute er sich auch nicht, sich selbst zu korrigieren und neue Erkenntnisse aufzunehmen. Er lehnte Ideologie ab, genau das, was seine späteren Adepten ihren Anhängern immerzu eintrichtern wollten: die reine Lehre. Marx und sein Freund Engels waren nicht die Träger ewiger Wahrheiten, sondern kritische Geister, die die Welt in ihrer Entwicklung untersucht haben. Sowohl die Geschichte der Menschheit, die Entwicklung der Geistesgeschichte, der Ökonomie und der Wissenschaften haben sie erforscht und dabei eine politischen Standpunkt entwickelt, den man nicht in allen Einzelheiten teilen muss.
Marx, selbst von jüdischer Abstammung war seinen Artgenossen nicht besonders freundlich gesinnt und vermutlich überhaupt kein besonders netter Mensch. Auch gegenüber einer Anfrage von Karl-Heinrich Ulrich, dem ersten Vertreter der Schwulenbewegung in Deutschland verhielt er sich ablehnend und hämisch. Intelligenz ist leider keine Garantie für Empathie.
Sicherlich aber ist die Frage nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung heute aktueller denn je, wo der Kapitalismus die ganze Welt unter seine Fuchtel gebracht hat und internationale Konzerne mächtiger als viele Staaten sind. Ich finde es durchaus lohnend, sich mal wieder mit den Schriften von Marx und Engels auseinanderzusetzen.
Ein wenig habe ich mich in meinem letzten Roman mit der Thematik des Sozialismus und seiner Verzerrungen befasst: „Soziotopia oder eine andere Wende 1989“.
Marx nannte einmal als sein Motto: De omnibus dubitandum (Deutsch: An allem ist zu zweifeln).

Copyright: Ludger Gausepohl, Berlin 2018

Mittwoch, 25. April 2018

Ausstellung „Berliner Realismus“ im Bröhan-Museum

Berlin ist so reich an interessanten Museum und doch nutzt man dieses Angebot viel zu wenig.
Ein Grund ist sicher, dass die Eintrittspreise im Laufe der letzte Jahre gestiegen sind.
Der Eintrittspreis von 8 Euro im Bröhan-Museum ist da noch maßvoll.
Mich interessierte die momentane Ausstellung unter der Überschrift „Berliner Realisten“ und ich besuchte sie kürzlich mit einer Freundin.
Dort werden Werke von so bekannten Malern wie Käthe Kollwitz, Otto Dix, Georg Grosz, John Hartfield und Heinrich Zille gezeigt,
aber auch solche von Künstlern, die mir noch nicht bekannt waren wie Karl Hubbuch, Hans Baluschek, Otto Nagel und anderen.
Es ist aufgrund der Menge der Exponate nicht ganz leicht den Roten Faden zu finden, aber das Museumspersonal ist da ganz hilfreich.
Die meisten Werke zeigen das Elend der Arbeiterklasse von der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik.
Prostitution, Luxusleben der Reichen und andere Auswüchse des Kapitalismus werden karikiert oder überspitzt.
Der Gang durch diese umfangreiche Ausstellung bringt daher weniger ästhetischen Genuss als eine eindringliche Konfrontation
mit der Lebenswelt der Menschen vor 1933. Zahlreiche Fotos von Künstlern und Arbeiterfotografen komplettieren dieses Bild. Mich hat die Ausstellung sehr beeindruckt und der Bummel durch die Dauerausstellung mit
Kunsthandwerk im Jugendstil und Art Deco waren dann bestens dazu geeignet, das Gemüt wieder etwas zu besänftigen.
Copyright Text und Bild Ludger Gausepohl

Freitag, 30. März 2018

Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott von Comte-Sponville

Nachdem ich hier lange nichts mehr gepostet habe, da ich mit Büchern und anderen Texten beschäftigt war hier ein Artikel, den ich vor Jahren auf der nicht mehr existenten Seite suite101.de veröffentlicht habe:

Besprechung des Buches „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“ des französischen Philosophen Comte-Sponville
In seinem Buch „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“ beschreibt André Comte-Sponville (geboren 1952 in Paris, bis 1998 Professor an der Sorbonne und jetzt als freier Schriftsteller tätig) seine Haltung zur Religion, zum Glauben an Gott und sein Verhältnis zur Spiritualität.
Kann man auf Religion verzichten?
Im Ersten Hauptkapitel definiert Comte-Sponville den Begriff der Religion. Er gibt sein eigenes Bekenntnis als Atheist, der in der Tradition der griechisch-jüdisch-christlichen Tradition steht und an gewissen moralischen Werten die daraus entstanden sind, festhält und er stellt fest, dass eine menschliche Gesellschaft nicht auf Kommunion ( Gemeinschaft, Zusammenwirken, Zusammenhalt) verzichten kann, dass diese aber nicht religiös sein muss. Ebenso benötigt seiner Ansicht nach die Gesellschaft ein gemeinsames Bekenntnis. Bekenntnis unterscheidet er vom Glauben als etwas was man anerkennt, was man für richtig befindet, während Glaube eine Überzeugung ist. Ohne ein Bekenntnis sieht er Nihilismus und Barbarei des Fanatismus im Vormarsch. Er sieht in Bezug auf moralisches Denken und Handeln keinen Unterschied, ob man bekennender Atheist ist und eine nicht gläubige Gesellschaft, oder eben nicht. Nur Fanatiker und Dogmatiker schließt er aus.
Gibt es Gott?
Im zweiten Hauptkapitel versucht er sich an einer vorläufigen Definition eines Gottes-Begriffes und setzt sich mit den sogenannten Gottes-Beweisen auseinander. Die drei wichtigsten davon widerlegt er und macht deutlich, dass man weder die Existenz noch die Nicht-Exstenz Gottes beweisen kann. Er nennt seine eigen Gründe, nicht mehr an Gott zu glauben:
1. Die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises
2. Die Nicht-Erfahrbarkeit Gottes (er zeigt sich nie)
3. Gott ist die unerklärliche Begründung für das Unerklärliche
4. Das Übermaß des Bösen in der Welt
5. Das Mittelmaß der Menschen, die ja angeblich nach Gottes Ebenbild geschaffen sind
6. Der übermächtige Wunsch nach der Existenz Gottes (wer möchte nicht geliebt werden von einem überhöhten Vater)
Zuletzt betont Comte-Sponville das Recht nicht zu glauben, sieht den Laizismus (Trennung von Religion und Staat als das kostbarste Erbe der Aufklärung. Für ihn ist die Freiheit des Geistes noch wichtiger als der Friede, „denn ohne sie ist der Friede nur Knechtschaft“.
Welche Spiritualität für Atheisten?
Im letzten Hauptkapitel widmet sich der Autor dem Thema Spiritualität. Er legt Wert darauf, dass man als Atheist sehr wohl ein spirituelles Leben ohne Religion haben kann. Er erklärt die Begriffe Mystik und Mysterium und beschreibt, das was für ihn Spiritualität beinhaltet. Er sieht „Spiritualität der Immanenz eher als der Transzendenz, und der Öffnung eher als Innerlichkeit. Spiritualität führt ihn dazu, das das Ego in der mystischen Erfahrung sich auflöst, dass Fülle, Einfachheit, das Empfinden von Einheit, das Schweigen des Denkens, die Aufhebung der Zeit (Ewigkeit), innere Gelassenheit und die Annahme dessen was ist, entstehen.
Comte-Sponville greift in seinem Buch sowohl auf westliche Philosophen zurück als auch auf östliche und findet so zu einer schlüssigen Gesamtsicht. Für den in philosophischer Literatur ungeübten Leser ist das Buch teilweise etwas sperrig zu lesen, besonders im zweiten Teil bleibt es recht theoretisch. Seine Abschluss gibt dann noch ein mal sein Bekenntnis wieder:
„Die Liebe schenkt Leben, nicht die Hoffnung; Wahrheit befreit, nicht der Glaube.
Wir sind schon im Paradies: Ewigkeit ist jetzt.

Quelle: André Comte-Sponville „Woran glaubt ein Atheist – Spiritualität ohne Gott“, Zürich 2008

Mittwoch, 26. Juli 2017

Heute bin ich Samba

Am vergangenen Dienstag sah ich im Fernsehen den Film des Regieduos Eric Toledano, Olivier Nakache mit dem Hauptdarsteller Omar Sy, der mit dem letzten Film der französischen Regisseure „Ziemlich beste Freunde“ bekannt geworden ist.
Leider wurde der Film zu später Stunde gezeigt, aber die Handlung um einen illegalen Immigranten aus dem Senegal, der sich in Paris versucht durchzuschlagen und immer wieder in die Mühlen der Bürokratie und der Polizei gerät, war spannend und bewegend genug, um durchzuhalten. Eine freiwillige Sozialhelferin namens Alice (Charlotte Gainsbourg) versucht den Spagat zwischen Distanz und Sympathie und scheitert dait letztlich, da sie sich in den Afrikaner verliebt, der sich mit verschiedenen Rollen und Ausweisen am Leben zu halten versucht und auch mit seinen eigenen Gefühlen und Ängsten immer wieder in Konflikt gerät.
Die Geschichte beschreibt die Situation von illegalen Immigranten gefühl- und humorvoll, aber durchaus differenziert. Allerdings drängt sich dem Zuschauer die Frage auf, warum die Frage einer möglichen „Schein-“Ehe nicht einmal gestellt wird, die für Samba ja eine mögliche Lösung seiner Probleme gebracht hätte.
Ich war auf jeden Fall von dem Film sehr bewegt und gefangen, vielleicht auch, weil ich durch meine freiwillige Arbeit mit Flüchtlingen vieles über deren Probleme erfahren habe.
Das Erste
Copyright text: Ludger Gausepohl

Montag, 8. Mai 2017

Lion - Ein bewegender Film über die Suche nach der eigenen Herkunft

Nur durch Zufall schaute ich mir diesen Film an. Er wurde mir an dem Tag, an dem ich plante, ins Kino zu gehen, von meiner Schwester empfohlen. Vermutlich hätte ich ihn sonst nicht gesehen, da ich bis dahin nichts darüber gehört hatte.
Der Film beginnt in einem kleinen Dorf in Indien, wo ein kleiner Junge namens Saboo mit seinem älteren Bruder versucht, der alleinstehenden Mutter zu helfen, der Familie das Überleben zu sichern. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle gelangt der Junge mit der Bahn ganz allein in die Riesenstadt Kalkutta, wo eine fremde Sprache gesprochen wird. Er kommt schließlich in ein Waisenhaus, in dem es zugeht wie in einem Gefängnis und wo manche Kinder missbraucht und misshandelt werden. Schließlich aber hat er das Glück, dass er von einem australischen Ehepaar adoptiert wird und in wohlhabenden und gesicherten Verhältnissen aufwachsen kann. Aber was ein Happy End sein könnte, entwickelt sich zu einer lebenslangen Suche nach der eigenen Herkunft. Es kommt zu Konflikten mit den Adoptiveltern und der australischen Freundin. Der junge Mann gibt aber die Suche nach seinem Heimatort nicht auf und findet ihn schließlich.
Der Film hat mich sehr bewegt und zeigt in schönen und dramatischen Bildern die Lebensgeschichte Saboos (nach einem autobiografischen Roman). Die Thematik der Adoption von Kindern aus einem Kulturkreis der Dritten Welt wird mit allen damit verbundenen Problemen gezeigt. Neben Hauptdarsteller Dev Patel (Slumdog millionair), brillierte Nicole Kidman als Adoptivmutter. Kleine Minuspunkte sind die sehr idealistische Darstellung der Adoptiveltern und die Tatsache, dass der kindliche Darsteller des Saboo im Vergleich zum viel hellhäutigeren Dev Patel dunkelhäutig ist, was nicht so ganz stimmig ist. Dennoch empfand ich den Film als einen der besten, die ich seit langem gesehen habe. 

Lion - Der lange Weg nach Hause

Film 2016, nach dem gleichnamigen Roman von Saroo Brierley

Regisseur Garth Davies

Darsteller: 

Saroo als Kind: Sunny Pawar, als Erwachsener: Dev Patel

Die Adoptiveltern: Nicole Kidman und David Wenham

Plakat zum Film